Freitag, 12. Mai 2017

Wenn Freunde zu Bekannten werden

Je länger man lebt, desto mehr Menschen begegnet man. Manchen flüchtig, anderen intensiver. Manchmal ist es so, dass man im ersten Moment weiß, ob jemand einem völlig zuwider oder man komplett auf der gleichen Wellenlänge ist. Und je mehr Menschen man schon getroffen hat, desto besser kann man einschätzen, ob man mehr Zeit mit ihnen verbringen wollen würde oder lieber nicht.

Was ist aber mit den Menschen, die man als Bekannte und Freunde aus einer Zeit mitgenommen hat, in der man weniger gut beurteilen konnte, welche Art von Menschen man in seinem Leben haben möchte? Oder was ist mit den Freunden, die sich seitdem man sich vor fünfzehn Jahren kennen gelernt hat, in eine sehr andere Richtung entwickelt haben als man selbst?

Die Frage treibt mich schon eine Weile um. Eine gute Freundschaft machen für mich Vertrauen, Offenheit und die Fähigkeit, zusammen ganz man selbst; verrückt und mutig sein zu können aus. Freundschaft bedeutet, dem anderen nur Gutes zu wünschen und ihn dabei zu unterstützen, seine Ziele zu erreichen selbst wenn man nicht immer der größte Fan derer ist. Letztlich ist es für mich auch ein klares Zeichen ehrlicher Freundschaft, wenn ich nicht darauf neidisch bin, wenn meine Freunde große Ziele erreichen, sondern ich mich einfach nur für sie aufrichtig freuen kann,
Der Großteil meiner Freunde fällt in genau diese Kategorie.

Aber dann gibt es noch so ein paar, die quasi nur aus Gewohnheit da sind. Diejenigen, mit denen man sich nur ungern verabredet, weil man schon vorher weiß, dass wieder eine beklemmende Stille aufkommen wird, wenn der seichte heit-teiti Smalltalk abgearbeitet ist. Diejenigen, bei denen beide Seiten wissen, dass man sich nichts mehr gibt, sich nicht mehr ergänzt oder entspannt ohne vorgegebenes Programm zusammen sich beschäftigen oder gar Spaß haben kann. Zumindest glaube ich immer, dass es beiden Seiten wissen.

Nun aber zu dem, was mich wirklich quält: was mache ich mit diesen Menschen?
Offen ansprechen?
"Es tut mir leid, aber seit ein paar Jahren merke ich schon, wie wir uns nur noch selten verabreden, gezwungen lächeln weil man mit Freunden Spaß haben muss aber uns eigentlich gar nichts mehr zu sagen haben. Überhaupt hast du dich verändert; ich mich ja auch. Das passt alles nicht mehr zusammen. Meinst du nicht, es wäre besser, wenn wir nicht weiter so tun, als wären wir ernsthaft befreundet?"

Oder einfach ignorieren? Nach dem Motto, wenn man nur lange genug keinen Kontakt hat und Zeit vergehen lässt, werden sie einen schon vergessen und man muss sich nicht mehr schuldig dafür fühlen, dass man sich nicht mehr aufrichtig freut, Zeit mit dem anderen zu verbringen?

Letzte Variante wäre, weiter zu machen wie bisher und so zu tun als hätte sich nichts verändert. Zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich genau das momentan tue und mich dabei einfach nur furchtbar fühle.
Ist es nicht verlogen, sich mit Menschen in seiner freien Zeit zu verabreden, wenn man tief in seinem Inneren gar keine Lust auf diese Personen hat? Ist es nicht eigentlich furchtbar dumm, seine so kurze Lebenszeit mit "Freunden" zu verschwenden, die einem einfach nur ein doofes Bauchgefühl bereiten und man sich mit ihnen die ganze Zeit anstrengen und eine Kulisse aufrecht erhalten muss?

Ich würde ja gern sagen, dass ich so konsequent wäre, diesen paar Menschen einfach ganz ehrlich zu sagen, dass es alles nicht mehr so ist wie es mal war und ich meine Zeit lieber anders verbringen würde als mit ihnen, aber am Ende bringe ich es nicht übers Herz. Da verbiege ich mich lieber weiter und lege angestrengt die "ich hab Spaß mit dir" -Performance hin und fühle mich im Anschluss elend.
Richtig schön blöd.

Wie sagt man Menschen am besten, dass man sich auseinander entwickelt hat, wenn sie es scheinbar noch nicht mitbekommen haben?

Donnerstag, 27. April 2017

Über selbstständiges Wohnen & aufgegebene Gewohnheiten

In meinem letzten Post ging es um das Thema Umzug und als ich so gedanklich bei dem Thema war, fiel mir auf, dass es inzwischen schon über ein Jahr her ist, dass ich ausgezogen bin. Zuerst einmal: yay! Es war eine Entscheidung, die ich viel zu lange vor mir her geschoben habe, weil nicht wirklich der Druck dazu bestand und es vor allem finanziell absolut vorteilhaft war, bei der Familie zu wohnen. Außerdem ist meine Familie ziemlich knorke, sodass auch da kein Anreiz bestand, auszuziehen.
Aber irgendwann war ich die etwas längeren Fahrtwege zur Uni leid, Gelegenheiten boten sich und schließlich bin ich vor mittlerweile mehr als einem Jahr ausgezogen. Das WG Leben war neu und aufregend und dennoch habe ich mich direkt zu Hause gefühlt.

Ein Jahr und einen weiteren Umzug später, fühlt sich die Vorstellung, nicht allein und selbstbestimmt zu wohnen, sehr seltsam an. Noch dazu gibt es einige alltägliche Gewohnheiten, die ich seitdem komplett aufgegeben habe und fand es so interessant, dass ich das mit euch teilen wollte.
Und hier sind sie: meine fünf Angewohnheiten, die ich aufgegeben habe, nachdem ich bei den Eltern ausgezogen bin.

1. Getränke kaufen
Wenn das Mineralwasser und der Apfelsaft eh immer im Keller stehen, ist es sehr einfach, damit den Durst zu löschen. Als ich aber das sprudelige Wasser selbst hätte kaufen müssen, wurde mir klar, wie wenig mir eigentlich daran lag. Es kostet schließlich nur Zeit und Geld, Getränke in die Wohnung zu schleppen. Da kommt man ganz schnell auf die Idee, dass Leitungswasser und Tee ganz hervorragende Durstlöscher sind. Noch dazu ist es günstiger und gesünder, als Fruchtsäfte oder gar Softdrinks in sich hinein zu schütten.
Statt der damals obligatorischen 0,5l Plastikflasche Mineralwasser für unterwegs habe ich inzwischen meine doppelt so viel Volumen fassende Trinkflasche und bin sehr glücklich damit, sowohl für die Umwelt als auch meinen Geldbeutel was gutes zu tun.

2. Wäsche bügeln
Es war nie so, dass ich nicht im Haushalt helfen musste, aber das Bügeln der Wäsche hat tatsächlich meistens Mutti übernommen. So war ich es einfach gewohnt, Bettwäsche und Handtücher in die Waschmaschine zu stecken, sie anzuschalten, die Wäsche aufzuhängen und dann von der Leine hübsch gebügelt auf meinem Bett wiederzufinden und konnte mir nicht vorstellen, dass es nicht so wäre. Ganz schön naiv.
Denn auch wenn man Bügelbrett und Bügeleisen im eigenen Haushalt hat, heißt es noch lange nicht, dass man Motivation verspürt, Bettwäsche, Handtücher, Stofftaschentücher und Kleidung damit zu glätten. Ich bin einfach dazu übergegangen, Dinge nur zu bügeln, wenn sie WIRKLICH zerknittert sind oder es einen besonderen Anlass gibt. So werden jetzt nur noch Kittel vor praktischen Prüfungen, die Hemden des Freundes und meine Vorzeigekleidung vor Bewerbungsgesprächen oder feierlichen Anlässen gebügelt. Alles andere deklariere ich inzwischen als verschwendete Lebenszeit.

3. Gutes Geschirr besitzen
Wer kennt es nicht: die Eltern haben gutes Geschirr für besondere Anlässe, Bettbezüge farblich passend für verschiedene Jahreszeiten oder auch Dekoartikel für alles von Ostern über Halloween bis Weihnachten. Wenn man in einer Mietwohnung lebt, fällt auf einmal ganz viel Stauraum für all diesen Kram weg und man muss reevaluieren, was wirklich wichtig ist. Dabei ist mir klar geworden, dass man definitiv nicht zehn Alltagsteller und zwanzig gute für Besuch haben muss, wenn man nicht mal genug Stühle hat, um mehr als die regulären Bewohner der Wohnung am Küchentisch zu platzieren.
Statt jetzt also immer das alte Geschirr, was im Alltagsgebrauch einfach kaputt gehen dürfte (aber es eh nie tut), zu benutzen, essen wir von den guten (und einzigen Tellern) und schlafen in der schönen Bettwäsche statt in der ausgewaschenen alten. Denn was hat man davon, die schönen Sachen zu schonen, wenn man sich daran eh nie erfreuen darf, weil man sie für bestimmte Gelegenheiten aufspart?

4. Fleisch und Brot kaufen
Ich war es von meinem Elternhaus aus gewohnt, dass immer ein Brot im Brotkasten war. Allein schon, um sich ein Schulbrot für die Pause zu schmieren, war das essentiell. Hat man aber plötzlich nur noch eine oder zwei Personen, die das ganze Brot verspeisen müssen, bevor es schlecht wird, ist es alles gar nicht mehr so einfach. So kam es, dass ich einfach gar kein Brot mehr kaufe. Es gibt wenige Dinge, die simpler und dabei so köstlich sind wie frisches Brot mit Butter und Salz, doch immer wieder Brote hart und schimmlig werden zu lassen, lohnt sich nicht. Deshalb gibt es Brot inzwischen bis auf wenige Ausnahmen nur noch auswärts.
Genauso wenig kaufe ich bei den Wocheneinkäufen Wurst oder Fleisch. Es ist einfach energetisch und aus Umweltschutzgründen unglaublich ineffizient, Tiere zu essen auch wenn ich offen gestanden an sich den Geschmack von Fleisch mag. Ich sehe absolut ein, dass es für den Planeten, die Tiere und die Ernährung all der Menschen besser ist, sich rein pflanzlich zu ernähren und tue das so weit wie möglich und kaufe daher auch kein Fleisch für den eigenen Kühlschrank und fürs Müsli Sojamilch. Wenn ich mal auswärts im Restaurant, bei Freunden oder der Familie esse, sage ich zu Fleisch nicht nein, doch selbst kaufen und den Konsum so unterstützen muss ich nicht.

5. Fernsehen
Mal im Ernst: wann kam denn je zur Primetime etwas wirklich lehrreiches, wirklich interessantes im Fernsehen? Ich kann mich nicht erinnern. Das kann daran liegen, dass ich seit Ewigkeiten YouTube und Netflix zur Unterhaltung benutze wo man sich selbst aussuchen kann, was man sehen möchte und dementsprechend lang kein reguläres Fernsehen mehr konsumiert habe oder auch daran, dass dort eben wirklich schon immer zu mindestens 95% Schwachsinn lief.
Während meiner WG Zeit gab es sowieso keinen Fernseher im Haus und jetzt, da es wieder einen gibt, dient er nur als Display für YouTube und Co. Schon schön, seine Sportvideos in Großformat vor sich zu haben, während man die Übungen nachturnt!
Und wenn man Serien schauen quasi als fernsehen werten würde, kann ich behaupten, auch das kaum zu tun. Neben Uni, Arbeit, Sport, Beziehung und Freunden, Haushalt und sonstigem Leben bleibt einfach nicht so viel Zeit übrig und die möchte ich nicht wirklich vorm Bildschirm vergammeln. Es ist einfach cooler, die aufregenden Erlebnisse selbst zu machen statt Leuten auf dem Bildschirm dabei zuzusehen, wie sie die durchleben.

Das sind sicher nicht alle Dinge, die sich bei mir im Alltag geändert haben, seitdem ich ausgezogen bin, doch es sind definitiv die offensichtlichsten, die mir zuerst eingefallen sind. Was hat sich bei euch geändert, nachdem ihr ausgezogen seid?

Dienstag, 11. April 2017

Minimalismus Level 2: Aussortieren obwohl der größte Mist schon weg ist

Lange gab es hier schon keine Beiträge zum Thema Minimalismus mehr. Das liegt nicht daran, dass ich es nicht mehr erstrebenswert finde, keinen unnötigen Scheiß zu besitzen, sondern viel mehr daran, dass mir ganz plötzlich klar wurde, wie viel unnötigen Scheiß ich eigentlich noch habe. Und das, obwohl ich doch schon so viel aussortiert habe.
Das sorgt natürlich nicht unbedingt dafür, dass ich mich wie ein weiser Minimalismusguru fühle und Tipps zum Thema geben will. Schließlich gilt es zuerst das eigene Chaos zu bewältigen.

Bevor ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, habe ich Berge von Kleidung, Schreibutensilien, Büchern und Bastelzubehör aussortiert. In das kleine WG Zimmer passte immerhin nur eine begrenzte Menge an Gegenständen und ich kann mich sehr gut erinnern, wie stolz ich war, dass ich all meine Sachen auf den paar Quadratmetern ordentlich verstauen konnte.
Als ich nun aber kürzlich für einen weiteren Umzug gepackt habe, kam ich ins Staunen, was ich trotz vorheriger groß angelegter Ausmistaktionen so besaß. Das war wohl kein ordentliches Verstauen, sondern eher tetrisartiges Einsortieren von zu viel Kram auf engstem Raum gewesen.

Sechs - wirklich sehr gute - Radiergummis, ein Dutzend neuer karierte Blöcke, Aquarellfarben und dazugehöriges Papier, Blöcke von Buntpapier, bestimmt acht verschiedene hübsche Bettbezüge plus Laken, mehr gemütliche Gammelklamotten als es je freie Tage geben kann und so weiter. Den richtig schlimmen Kram hatte ich im ersten großen Durchgang des Aussortierens schon erledigt. Es war so schön einfach, all das zu verschenken, zu spenden oder zu entsorgen, was ich definitiv seit Ewigkeiten nicht mehr angefasst hatte oder einfach nur noch furchtbar fand. Aber was ist mit den Dingen, von denen man genau weiß, dass sie eigentlich überflüssig sind, die aber dennoch völlig neu sind? Vielleicht brauche ich meinen Vorrat an Radiergummis und Blöcken ja noch einmal dringend!

Es gibt scheinbar Menschen, die von Natur aus minimalistisch zu sein scheinen ohne sich darüber Gedanken zu machen.
Mein Freund ist einer dieser Menschen. Die Schränke waren einfach gefühlt zur Hälfte leer, ein Viertel gefüllt mit den wenigen Sachen, die er wirklich braucht und benutzt und das andere Viertel belegt von Dingen, die man mal geschenkt bekommen hat und nicht wirklich mag, defekten alten Dingen und sicherheitshalber aufbewahrten Originalverpackungen. Es war so einfach, klar zu entscheiden, was von diesen Dingen bleiben kann und was weg kommt. Sentimentale Gegenstände gab es kaum und das was dar war, passt in einen Schuhkarton.

Bei mir dagegen war es komplizierter. Aus meinen Schränken war der unnütze, veraltete oder defekte Rumpelkram, von dem man sich leicht trennen kann, auch schon längst aussortiert.
Blieben nur noch die zahlreichen Duplikate eines benutzten Gegenstandes, die Vorräte und die Dinge, die ich einst geschätzt und benutzt habe aber es schon lange nicht mehr tue sowie ein Berg sentimentaler Stücke. Da ich aber auch die neue Wohnung nicht direkt zum Einzug mit besagtem unnützen Scheiß vollstellen wollte, habe ich mein bestes gegeben, mich von überflüssigem Besitz zu trennen.
Im Nachhinein habe ich mit folgenden Strategien entschieden, was in die neue Wohnung mitkommt und was nicht.

Duplikate reduzieren
Schöne Bettwäsche ist etwas wundervolles aber zu viel davon stellt am Ende nur den Schrank voll. Gleiches gilt für Handtücher, Küchentücher, Stofftaschentücher und so weiter. Zwar hat Oma immer schon gepredigt, man müsse möglichst viele bestickte Tischdecken und Bettlaken haben, falls mal Gäste kämen oder es einen besonderen Anlass gäbe, doch ganz im Ernst: wie oft passiert so etwas schon? Im Alltag braucht man nur exakt zwei Sets aus Bettlaken und Bezügen und für jede Person im Haushalt je zwei große und kleine Handtücher. Dementsprechend habe ich aussortiert und nun gibt es nur noch zwei komplette Bettwäschesets, viel mehr Platz im Schrank und einen glücklicheren Apfelkern.

Anprobieren statt ordentlich einsortieren
Ich muss gestehen, dass ich einige Kleidungsstücke einfach lange Zeit nur hübsch gefaltet in den Schrank gesteckt habe, statt zu hinterfragen, ob ich sie auch wirklich noch trage. Nachdem ich alte Pullover, Strickjacken oder Hosen anprobiert hatte, wurde mir dann auch klar, warum ich sie so lang im Schrank gelassen hatte.
Schlechte Passformen, komische Schnitte, völlig ausgewaschene Teile oder Dinge, die ich schlicht nicht mehr schön fand. Wie konnten die beim ersten Aussortieren nur durch rutschen?! Ach ja, die zwanzig sackförmigen Teilnehmershirts in absurden Farben sind mit sentimentalen Gefühlen verknüpft, sodass ich auch wenn ich sie nie trage, sie nicht entsorgen konnte. Da hilft es, sich klar zu machen, das Erinnerungen durch zwanzig Eventshirts nicht besser werden oder auch eine ehrliche zweite Person, die einem verrät, wenn man furchtbar in einem Teil aussieht.
Wieder einen Berg für die Kleiderspende. Nur blöd, wenn einem das erst klar wird, nachdem man die Teile schon in Kisten gepackt in die neue Wohnung geschleppt hat...

Überfluss erkennen
Wie viele Socken und Unterhosen hat man eigentlich regelmäßig in Gebrauch? Mit nur zwei Füßen kann man die eingelagerten 100 Paar Sneakersocken und Normalstrümpfe plus zwanzig Paar handgestrickte Wollsocken gar nicht alle tragen. Und so genauso wenig braucht man 60 Schlüpfer. Also hab ich mich einmal durch den Stapel gewühlt, die älteren Modelle allesamt raus geschmissen und bin jetzt sehr erleichtert, nicht mehr von der riesigen Auswahl überfordert zu sein, sondern stattdessen genau zu wissen, was in meinen Schubladen liegt. Nicht, dass die Hälfte der vorher besessenen Dinge jetzt wirklich wenig wäre, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Ehrlichkeit sich selbst gegenüber
Auch wenn das Traumfängerbastelset und das Buntpapier oder die Pastellkreiden quasi originalverpackt waren und nur dazu einluden, kreativ zu werden, habe ich sie nie angefasst, seitdem ich sie nach meinem letzten Umzug in die Schublade sortiert hatte.
Aktuell habe ich in meinem Alltag nur wenig Zeit für meine geliebten kreativen Hobbys und meine Nummer eins, was das angeht, ist unangefochten das Stricken. Die Wollschublade wird regelmäßig geöffnet und mit glückselig-irrem Grinsen durchwühlt, aber alle anderen Bastelutensilien werden ignoriert.
Dementsprechend habe ich sie schweren Herzens an eine Freundin weiter gegeben, die in ihrem Künstlertreff bessere Verwendung für die Materialien finden wird. Vor vier Jahren war ich vielleicht noch der Mensch, der all diese Sachen mit Freude selbst kreativ benutzt hätte, doch inzwischen habe ich mich einfach in eine andere Richtung entwickelt, sodass es nur logisch ist, mich von diesen Dingen zu trennen, die zum Schluss nur noch Platz weg nahmen.

Sort as you go
Inzwischen glaube ich nicht mehr daran, dass man in einer großen Ausmistaktion wirklich alle Dinge aussortieren kann, die man nicht braucht. Manchmal erkennt man erst im Alltag, dass die gemütliche Strickjacke schon viel zu fusselig ist, um sich dafür nicht zu schämen und kann sie dann zur Kleiderspende bringen. Man muss erst frustriert mit dem billigen Küchentuch versuchen, ein Glas zu polieren, bis man sich selbst gegenüber ehrlich genug sein kann, dass man es loswerden sollte zugunsten der (*hust* übrigen vierzehn *hust* ) guten Tücher. Und so kann man auch Schritt für Schritt ohne zusätzlichen großen Zeitaufwand die Wohnung und den Inhalt der Schränke optimieren.

Es ist ein Prozess
Am Ende des Umzugs stand ich da mit noch einer Kiste voller Kram. Sentimentale Gegenstände wie alte Postkarten mit berührenden Worten von lieben Menschen, einen Haufen handgeschriebener Tagebücher, Muscheln aus vergangenen Strandurlauben und Kosmetikpröbchen in einer Menge als wäre ich ein Drogeriekleinhandel. Wohin damit? Es sind Dinge, die im täglichen Leben nicht wirklich benötigt werden und deshalb spontan auch keinen Platz fanden.
Ob es mir aufgefallen wäre, wenn meine Muscheln oder die Pröbchen beim Umzug verloren gegangen wären? Sicher nicht.
Die Karten und die Tagebücher haben für mich einen zu hohen persönlichen Wert, um sie einfach zu entsorgen auch wenn ich sie nicht jede Woche in die Hand nehme. Alles andere aber hat keine gute Erklärung dafür, bleiben zu dürfen.
Pröbchen, Kerzenhalter und ähnlichen Kram kann ich leichten Herzens zum Schenkflohmarkt bringen auf dass jemand mehr Freude daran hat. Aber bis ich erkenne, dass meine Urlaubserinnerungen nicht besser werden, nur weil ich eine Tüte Muscheln hier stehen habe, dauert es noch ein wenig.

Nach meinem letzten großen Aussortieren vor einem Jahr dachte ich, dass ich unglaublich weit in der Optimierung meines Besitzes wäre. Mir war nicht klar, wie weit diese Vorstellung von der Realität abwich. Umzüge sind die perfekte Gelegenheit, sich aktiv auseinanderzusetzen, was man wirklich besitzen will und was man nur aus Gewohnheit im Schrank lagert. So haben dieses mal acht Umzugkartons statt wie beim letzten mal dreizehn gereicht, um meine Sachen zu transportieren.
Damit habe ich noch immer eine ordentliche Menge an Dingen aber ich fühle mich viel wohler mit dem, was ich habe und mit dem was ich nicht mehr habe und das so auch nicht mehr herum liegen kann.

Das beste am ganzen Aussortieren ist nämlich, am Ende keine überfüllten Schubladen zu haben, genau zu wissen, wo was in der Wohnung liegt und sich nicht mit dem herum plagen zu müssen, was man gar nicht braucht und was dennoch die Oberflächen und Schränke blockiert.
Es ist alles ein Prozess und auch wenn ich gerade einen riesigen Fortschritt gemacht habe, wird es noch eine ganze Weile dauern, bis ich am Ziel angekommen bin, insofern es denn überhaupt ein Ziel beim Minimalismus gibt, da es ja am Ende eine Lebensweise ist. Bis dahin genieße ich den Zwischenstand und denke daran, ab und zu etwas auszusortieren und mir dafür mental auf die Schulter zu klopfen, dass ich so weit gekommen bin. Auch wenn ich mich mit all den Dingen, die ich so habe, mich nicht öffentlich als minimalistisch bezeichnen würde.

Wie geht es euch mit dem Aussortieren nachdem der einfache Teil schon erledigt ist?

Samstag, 18. März 2017

Fromage, fromage!: Reiseeindrücke aus Paris

Es sind Semesterferien und damit ist Zeit für eine Reise. Oft lasse ich mich ja von den aktuellen Flugpreisen inspirieren, was das nächste Reiseziel angeht, doch dieses mal war ich mir schon vorher sicher: ich wollte meine Angst überwinden und nach Paris reisen.

Nun fragt sich: weshalb denn Angst, nach Frankreich zu fahren?! Immerhin ist es ja weder weit weg noch sonderlich exotisch.
Ganz einfach lässt sich diese Frage beantworten. Natürlich ist Frankreich ein zivilisiertes Nachbarland, doch in der Schule habe ich nie Französischunterricht gehabt und da es immer heißt, die Franzosen würden alles andere außer ihrer eigenen Sprache verachten und meiden, habe ich Frankreich als Reiseziel einfach mal von meiner mentalen Liste gestrichen. Hilft ja nix, wenn es hübsch da ist aber die Einheimischen die Kommunikation mit mir verweigern.
Irgendwann habe ich aber erfahren, dass in Paris die staatlichen Museen für unter 25 jährige EU Bürger kostenlos zu besuchen sind und da mich die Hauptstadt des Nachbarlands mit der merkwürdigen Nasalsprache dann doch schon interessierte, habe ich beschlossen, vor meinem 25. Geburtstag dort hin zu reisen. Und genau das habe ich kürzlich umgesetzt.

In diesem Artikel möchte ich euch ein paar meiner Eindrücke aus Paris zeigen und gleichzeitig einige Besuchempfehlungen aussprechen.
Angereist sind wir mit dem Flugzeug und ich kann nur immer wieder betonen, wie genial es ist, mit Handgepäck zu reisen. Keine Extrakosten zum Einchecken, man macht sich bewusst, was man wirklich braucht und einpacken will und noch dazu kann man ganz bequem alles immer dabei haben. So kann man sich auch direkt den Rucksack über werfen und vom Flughafen aus sofort das Abenteuer in der Stadt beginnen.

Just walk
Wie immer gilt für das Besuchen von Städten, dass man zu Fuß durch die Straßen laufend die Atmosphäre am besten mitbekommt. Noch dazu kann man ganz spontan anhalten, in Geschäfte rein schnuppern oder auf andere Verkehrsmittel wechseln. Und es ist mindestens so gesund wie kostengünstig.
Jede Stadt scheint so ganz typische Bauweisen zu haben und für Paris sind das definitiv die hohen Altbauten mit schmalen Fenstern vor denen ein eisernes Gitter befestigt ist. Auch interessant: die Deckenhöhe der Altbauten ist niedriger als das, was ich aus Berlin gewohnt bin.
Wenn man die Sprache nicht versteht, kann das zu sehr viel Frust aber auch zu lustigen Situationen führen. Zum Beispiel, wenn man sich wundert, weshalb unter Straßenschildern regelmäßig SAUF steht. Ist das etwa ein Trinkspiel für Verkehrsteilnehmer?!
Das Wörterbuch gibt Entwarnung und verrät, dass es ganz langweilig ist und nur "außer" bedeutet. Trotzdem absurd für deutschsprachige Personen ohne Französischkenntnisse.

Der Triumphbogen



Le Parthenon

Notre Dame 

Boulangerie, Boulangerie, Boulangerie!

Also wenn man sich vornimmt, sich vor dem Urlaub nur zehn grundlegende französische Wörter wie Hallo, Bitte, Danke und Auf Wiedersehen anzueignen, sollte man absolut darüber nachdenken, den Begriff "Boulangerie" zum Vokabular hinzuzufügen. Denn das bedeutet Bäckerei, was in Frankreich nicht nur Verkaufsort schnöder Brötchen bedeutet, sondern Quelle von unverschämt fluffigem Gebäck und sündhaft guten Süßigkeiten.
Ohne Witz: so gutes Hefegebäck (Fachbegriff: Brioche) habe ich noch nie gegessen. Dank der Unmengen an Boulangerien konnten wir auch jeden Morgen einen neuen Bäcker ausprobieren.

Meine persönliche Top 5 der Bäckereieroberungen:
  1. fluffig-saftiges Brioche
  2. Tarte au Citron
  3. gefüllte Eclairs
  4. Macarons: völlig überteuert aber eben doch verdammt lecker.
  5.  außen knuspriges, innen weiches Baguette


Tarte au Citron, Brioche, Baguette, Macarons, Eclair!

Um an all diese Leckereien zu kommen, habe ich auch mein bestes Fantasiefranzösisch ausgepackt und mit "Un brioche y …äh…et…un baguette por favor…sil vous plä!" irgendwie am Ende tatsächlich das bekommen, was ich wollte. Schon krass, wie sehr das Hirn einfach spanisch sprechen möchte, wenn die Vorgabe ist, dass Englisch sowieso nicht funktioniert.

Mich auch wirklich überrascht, wie wenig weit man mit Englisch kam. Noch nie habe ich die Sprachbarriere so hart zu spüren bekommen.
In den extrem stark von Touristen besuchten Orten wie Museen konnten die Mitarbeiter schon grundsätzlich die regelmäßig verwendeten Phrasen aber alles darüber hinaus ging gar nicht. Und in den normalen Supermärkten schien nahezu niemand englisch zu sprechen und wenn dann nur sehr gebrochen. Leider galt das auch für die jüngeren Leute, von denen ich wirklich nicht gedacht hätte, dass sie ohne nennenswerte Englischkenntnisse durchs Leben gingen.
Die ganzen Klischees und Vorurteile zum Thema Sprache scheinen tatsächlich nicht ohne Grund zu existieren.


Haute Cuisine
Eins der wenigen französischen Wörter, die ich noch kenne ist Haute Cuisine. Das bedeutet nicht - wie man auf den ersten Blick meinen könnte - verdroschene Tochter des Onkels, sondern (hoffentlich) hohe Küche und damit Kochkunst. Und das haben die Franzosen auch drauf.
Zwar ist das Essen durchschnittlich definitiv teurer als in Deutschland aber auch im Durchschnitt besser. Am Essen wird nicht geknausert und das schmeckt man.

Die Flammkuchen aus der Bäckerei sind nicht wie die gewöhnliche Ditsch Pizza nur fettig und kostengünstig in Massenproduktion vorgebacken sondern haben eine wirklich gute Teigbasis, sind mit richtigem Käse belegt und perfekt gewürzt.
Dank meiner Vorliebe für Essen habe ich gelernt, dass eine Brasserie ein Zwischending zwischen Restaurant und Bar ist. Man kann sich zum Drinks schlürfen verabreden aber gleichzeitig etwas besseres als nur einen Snack zu essen bekommen.
Das haben wir ausgenutzt und uns in einer Brasserie durch die Karte probiert. Und was läge näher als bei im Alltag nahezu ausschließlich vegetarischer  Ernährung das Steak Tartar zu probieren? So rohes, klein gehacktes Rind mit Gewürzen klingt spontan nicht zu verlockend, doch ich muss zugeben, dass es mich geschmacklich absolut überzeugt hat. Die Sache mit dem Essen haben die Franzosen halt echt drauf. Und Süßspeisen sowieso. Arme Ritter aus Baguette mit Salzkaramell aka pain perdu (Apfelkern Translator: verlorene Schmerzen) waren einfach göttlich. Reisen nach Frankreich sind offensichtlich kein guter Moment, Kalorien zählen zu wollen.

Pain perdu, Steak tartare, Flammkuchen

Meine Top Sehenswürdigkeiten
So viel zum Allgemeinen. Was sind nun aber die Sehenswürdigkeiten, die ich zu besuchen empfehlen würde?

Tour Montparnasse
Den 210 Meter hohen an sich nicht besonders gut aussehenden Turm kann man während man durch den Stadtkern läuft fast immer sehen. Wenn man sich dann gönnt, die Eintrittsgebühr von unverschämten 15 Euro beziehungsweise noch immer überteuerten 12 Euro für Studenten, kann man von der Spitze des Turms aus die ganze Stadt bewundern.
Wir waren zufällig genau zum Sonnenuntergang dort, sodass wir einmal die Stadt mit den wirklich gut sichtbaren berühmten Bauwerken einmal im Tageslicht und direkt danach in beleuchteter Pracht unterm Nachthimmel bewundern konnten. Perfekt, um Bilder von Paris zu machen, auf denen man den Eiffelturm auch sehen kann.

Auf dem Dach gibt es auch noch eine kleine Eislaufbahn, die immerhin im Eintritt ingbegriffen ist. Aber Achtung: als ich voller Freude in Schlittschuhen auf die Bahn hüpfte, fiel mir direkt auf, dass es sich gar nicht um Eis, sondern um Kunststoffplatten handelte. Darauf ließ es sich absolut nicht gleiten; das einzig mögliche Manöver war, ständig weg zu rutschen. Keine Empfehlung für die Kunststofflaufbahn aber dafür eine umso größere für die Aussicht vom Turm.






Louvre
Wenn eins der zahlreichen Museen in Paris sich weltberühmt nennen darf, dann ist es definitiv das Louvre. Es ist eins der größten Museen der Welt und von außen betrachtet noch dazu eins der Wahrzeichen von Paris. Nachdem man kostenlos zahlreiche Bilder von den Glaspyramiden des Louvre gemacht hat, kann man als junger Mensch kostenlos oder für 15 Euro durch eine Pyramide dieses gigantische Kunstsammlung betreten. Von Plastiken, Skulpturen über Altäre und Gemälde kann man sich in einem wahren Überfluss an Kunst satt sehen. Auch wenn man nach ein paar Stunden absolut nicht mehr aufnahmefähig ist, wenn es darum geht, meisterhafte Kunst wertzuschätzen, sollte man sich die Mona Lisa nicht entgehen lassen. Es lohnt sich allein schon, um die sich davor drängenden Menschen zu beobachten. Wirklich sehr interessant, was manche Leute so machen, um ein Foto von sich vor der Mona Lisa ohne andere Personen im Bild zu bekommen.

Vor dem Louvre

Suchbild: Wo ist die Mona Lisa nur?

Sacre coeur
Auf der höchsten natürlichen Erhebung, dem Montmatre, sieht man schon aus der Entfernung eine helle orientalisch anmutende Kirche mit Zwiebeltürmchen. Zu Fuß gelangt man über schmale Treppen auf den Montmatre, alternativ bringt einen auch eine Seilbahn nach oben. Dort angekommen kann man eine großartige Aussicht genießen und nachdem man sich genug Wind um die Nase wehen lassen hat auch in den Sakralbau hinein gehen.
Der Eintritt ist - wie es sich meiner Meinung nach für Gotteshäuser auch gehört - kostenlos. Innen kann man dann das prächtige Deckenmosaik betrachten. Allein die Größe der katholischen Wallfahrtskirche ist beeindruckend.


Versailles
Nicht ganz innerhalb der Stadt gelegen ist das prachtvolle Schloss von Versailles, einstiger Sitz des französischen Königs bis zum Ausbruch der Revolution. Wenn es ein Beispiel für barocke Baukunst gibt, das immer wieder aufgeführt wird, dann ist es der perfekt geometrisch und symmetrisch angelegte Schlossgarten in dessen Mitte das prunkvoll dekorierte Schloss steht. Selbst die verschwenderisch vergoldeten Zaunspitzen können einen nicht darauf vorbereiten, was für eine verschwenderische Fülle von Kunst einen im Inneren erwartet. Minimalist war der gute Sonnenkönig Ludwig absolut nicht.
Durch die überwältigenden Empfangssäle, Schlafgemächer, Spiegelsäle oder Esszimmer zu spazieren und sich vorzustellen, was für ein Wahnsinn das Leben dort zu Zeiten Ludwig des XIV. gewesen sein muss, ist absolut verrückt.
Im Anschluss durch den Schlossgarten zu wandeln und Menschen beim Rudern auf dem hunderte Meter langen Teich zu beobachten hilft dabei, die Augen ein bisschen zu beruhigen nach den ganzen Eindrücken.
Mit der Regionalbahn lässt sich Versailles vom Stadtzentrum aus in etwa einer halben Stunde erreichen und die Fahrt ist mit knapp vier Euro pro Strecke auch absolut erschwinglich.

Schloss...

…und Garten
Der bisher noch nicht erwähnte Eiffelturm ist eins der bekanntesten Pariser Wahrzeichen und beeindruckend anzusehen aber unterm Strich auch nicht so überwältigend. Das verrückteste ist einfach das Gefühl, plötzlich direkt unter einem Gebäude zu stehen, dass man schon so oft auf Bildern oder in Videos gesehen hat. Bei Nacht in Beleuchtung wirklich gut anzusehen ist der Eiffelturm auch, doch am Ende wäre es mir keine 17 Euro wert, mit dem Fahrstuhl bis auf die Spitze zu fahren.

Aufgefallen sind mir auch die zahlreichen schwer bewaffneten Streitkräfte, die einfach auf der Straße stehen als wäre es normal. Kenne ich aus Deutschland gar nicht und empfand es dementsprechend als irritierend und beunruhigend. Ich durfte sogar erleben, wie sie unverständliche Dinge auf Französisch rufend über einen Platz gerannt kamen und die Einheimischen einfach entspannt weg schlenderten, während ich mich völlig hilflos und verletzlich fühlte, weil ich schon gar nicht verstand, was sie überhaupt riefen. Absolut gruselig.

Alle Klischees vereint auf einem Bild

Unterm Strich kann ich ein klares Fazit ziehen: Paris ist definitiv den Besuch wert! Die Sprachbarriere ist vorhanden und das in einer erschlagenden Stärke aber auch mit Fantasiefranzösisch verhungert man nicht. Allein schon das Erlebnis, plötzlich mit Englisch nicht verstanden zu werden, ist die Reise wert.
Also - egal ob Französischkenntnisse oder nicht, wagt euch nach Paris, denn dort gibt es mehr als nur kitschige Heiratsanträge an jeder Ecke oder Baguettes unterm Eiffelturm.

Montag, 27. Februar 2017

Wer A sagt darf auch B hinterfragen

Vor ein paar Wochen dachte sich mein Vergangenheits-Ich, dass es eine clevere Idee wäre, in den Semesterferien einen Yogakurs zu machen, der um 7:15 beginnt. Dann würde ich wenigstens einmal pro Woche richtig früh aufstehen, in die Gänge kommen, mich bewegen und dann mit einem guten Gefühl in einen produktiven Tag starten. Heute war der erste dieser Kurse und ich habe über die Entscheidungen meines Vergangenheits-Ich geflucht.

Das frühe Aufstehen selbst war zwar ein bisschen anstrengend aber nicht übermäßig grausam. Ein bisschen was gefrühstückt, langsam gespürt, wie sich die Aufregung wegen des Yogakurses einstellte. 90 Minuten Vinyasa Yoga.
Ob die anderen Kursteilnehmer schon weit fortgeschritten sein würden? Den Kopfstand kann ich inzwischen quasi im Halbschlaf, doch alle anderen Umkehrhaltungen wie Unterarmstände oder Handstände sind bei mir nur wackelig und mit Wand drin. Davon abgesehen nagt es auch immer noch an mir, dass ich mir zwar die Beine hinter den Kopf klemmen aber nicht in den Lotussitz falten kann. Aber ich bin ja auch ein Anfänger und da geht das klar, nicht alles zu können.

Voller Erwartung machte ich mich mit meiner Yogamatte unterm Arm auf den Weg zur Turnhalle. Dabei fühlte ich mich ein bisschen wie ein Hipster: in den Tag starten mit Yoga während andere arbeiten, dann noch am besten einen Smoothie mit grünem Gemüse und dazu ein Kaffee mit Sojamilch.
Ich kam in der Halle an, zog mich um in meine sportliche kurze Kleidung und ging in den Sportraum. Zuerst wunderte ich mich, wieso gut die Hälfte der Anwesenden in lange weite Gammelklamotten gekleidet war und dazu Wollsocken trug. Entschuldigen Sie, sind Sie auch zum Sport hier?

Der Kurs begann. Es wurde auf dem Boden liegen geatmet, in Körperteile hinein gefühlt, entspannt. Während die Trainerin eine Viertelstunde lang erzählte, wie ruhig und gelassen Körper und Geist würden, fragte ich mich nach einigen Minuten nicht besonders ruhig und noch weniger gelassen nur noch, wann wir denn zum sportlichen Teil kämen.
Irgendwann setzten wir uns auf, atmeten. Nach der Hälfte der Kurszeit waren wir schon so weit, dass wir uns der Belastung aussetzen, uns in den Vierfüßlerstand zu begeben. Ich kam mir völlig deplatziert vor. Fühlt sich so Seniorensport an? Vorsichtige Gymnastik für Frauen drei Tage nach der Geburt vielleicht? Meine Vorstellung war, dass wir in fließenden Bewegungen über die Matte turnen und am Ende auch hüpfen würden, dabei ins Schwitzen kämen, der Kursleiter uns in den altbekannten Positionen Tipps geben und beim Einnehmen neuer Positionen anleiten würde.
All das passierte nicht. Mir war kalt in den viel zu kurzen Funktionskleidungsstücken, die dafür gedacht waren, dass man sich in ihnen ernsthaft bewegen würde und noch dazu langweilig. Während des ewigen Liegens und Atmens dachte ich einen Moment lang sogar, dass ich gleich einschlafen würde.
Höhepunkte der Anstrengung war es, in die Position der Planke zu gehen. Allerdings folgte direkt der Vermerk, dass wir doch die Knie auf den Boden ablegen sollten, da wir die Position noch wiederholen würden und das durchhalten sollen.
Darf ich bitte mein Geld wieder haben?!

Nach dem Kurs war ich einfach nur enttäuscht. Was war das für ein Sport, in dem man die Hälfte nur herum liegt und atmet? Der Yogakurs im letzten Sommersemester war einfach nur unfassbar herausfordernd, anstrengend und genial gewesen. Jetzt dagegen war es die pure Langeweile.
Yoga hat einfach so viele Strömungen und Facetten, dass man nie ganz genau wissen kann, was man bekommt.

Der Kurs war überstanden und hatte sich komplett anders entwickelt als gewünscht. Was wird aus den restlichen Terminen?
Die wenigen Euros für den Unisportkurs waren bezahlt und würden auch nicht zu mir zurück kommen selbst wenn ich mich beschweren würde, dass es gar kein wirklicher Sport ist, den diese Trainerin da betreibt.
Die Möglichkeiten sind nun entweder hin gehen, dem ganzen noch eine Chance zu geben und mich sehr wahrscheinlich durch die öden und nicht beanspruchenden Übungen zu langweilen oder knallhart die Teilnahmegebühr als Lehrgeld zu verbuchen und nie wieder zum Kurs zu erscheinen.

Was ist wohl wertvoller: meine zwölf bezahlten Euros oder sechs mal neunzig Minuten eines Kurses durchzustehen, der mir sehr sicher nur noch mehr Frust bringt?
Zuerst überlegte ich, dem ganzen noch einen letzten Versuch zu geben, doch gleichzeitig ist mir klar, dass ich in einem Anfängerkurs einfach nicht glücklich werden kann. Ich möchte beim Sport meinen Körper belasten, an Grenzen kommen, meine Grenzen erweitern, schwitzen, innerlich fluchen und nicht ruhig atmend unter einer Decke auf dem Boden liegen und in meinen kleinen Zeh hinein fühlen. Das ist sicher auch eine tolle Entspannungsübung aber eben so gar nicht, was ich mir von dem Kurs erhofft habe.

An sich bin ich ein Mensch, der extrem ungern aufgibt. Lieber Zähne zusammen beißen und durchziehen, um am Ende das Ziel zu erreichen. Zu zweit den zwei Meter hohen Schrank durch die Stadt in die Wohnung schleppen, blaue Flecke vom Abstützen auf den Beinen und der Hüfte davontragen und anschließend noch zwei Tage zuerst Schmerzen und dann nur noch Muskelkater in den Armen zu haben geht klar. Es ist aber wichtig zu wissen, wann es sich lohnt, sich zu überwinden und sich durchzubeißen. Und genau das ist bei diesem eigentlich so unwichtigen Yogakurs einfach nicht der Fall.
Ich habe viel mehr davon, an den Tagen früh aufzustehen und für mich allein ein Yogatutorial zu machen, das mich dann auch wirklich fordert und weiter bringt.

So ein ganz kleines bisschen habe ich zwar trotzdem ein schlechtes Gewissen, den gebuchten Kurs zu schwänzen, doch manchmal muss man ganz bewusst eine zuvor getroffene Entscheidung auch revidieren können. Denn wenn man immer stur an den in der Vergangenheit mit einem ganz anderen Bewusstseins- und Wissensstand gemachten Plänen fest hält, wird man seine Ziele nur schwer erreichen. Wenn es doch nur immer so einfach wäre wie mit einem Sportkurs.

Freitag, 17. Februar 2017

Aus dem Nähkästchen: über das "lustige" Studentenleben

Im Leben gibt es viele Prüfungen, davon sind die wenigsten offiziell so benannt sondern einfach die täglichen Herausforderungen. Manchmal gibt es aber doch diese offiziellen Prüfungen, für die man sich vorbereiten und dann unter großer Aufregung sein Wissen unter Beweis stellen muss. Besonders als Student erlebt man diese Situation regelmäßig.

Vorgestern habe ich meine letzten vier Klausuren für dieses Semester geschrieben und danach direkt gespürt, was für eine Last von mir gefallen ist. Es ist immer wieder schwer zu glauben, wie sehr einen dieser Leistungsdruck belasten kann.
Anfang des Semesters bin ich noch recht entspannt. Ich bereite mich zwar immer brav auf die Veranstaltungen vor und weiß immer, worum es grob gehen wird und bringe im Anschluss meine Notizen davon in eine Form, mit der ich später lernen kann, habe aber noch immer Freizeit. Je näher die Prüfungen kommen, desto weniger wird diese Freizeit.
Man geht morgens in die Uni, kommt am Nachmittag zurück nach Hause und sortiert noch schön seine Aufzeichnungen. Dann hat man sein Tagespensum an aktuellem Stoff geschafft - was aber leider auch nur bedeutet, dass man sich nun ans Lernen machen kann. Und zwar eigentlich open end bis man ins Bett geht, da man ja keine Kinder hat, um die man sich kümmern muss oder irgendetwas, das rechtfertigt, das Lernen zu unterbrechen.

Na klar wird Essen gekocht oder eine halbstündige Sporteinheit eingeschoben, weil das wichtig für Körper und Gesundheit ist, doch am Ende drängt das schlechte Gewissen immer zurück an den Schreibtisch. Und wenn man sich mal erlaubt, eine Folge einer Serie zu schauen, dann piekst das schuldige Pflichtbewusstsein einem immer wieder in den Bauch. 

"Ey du, du bist doch Vollzeitstudent! Nimm mal dein Studium ernst und setz dich an den Schreibtisch. Alles andere ist gerade viel weniger relevant und das weißt du auch. Also hör endlich auf Spaß zu haben und sei nützlich!"

Das klingt jetzt vielleicht ein bisschen überzogen, aber unterm Strich fühlt es sich genau so an.
Sagten nicht alle immer, die Studienzeit wäre die beste Zeit unseres Lebens, weil wir so energiegeladen, jung und ungebunden wären?
All das stimmt auch, nur irgendwie wurde mir immer verheimlicht, dass so ein Studium verdammt anstrengend ist. Manchmal fühlt es sich so an, als hätte ich zwei Vollzeitjobs: den, bei dem ich in der Uni präsent und aktiv sein muss und dann noch in den Stunden danach am Schreibtisch. 
Kein Wunder, dass die Semesterferien so lang sind: irgendwie muss man ja die gefühlte Belastung von zwei Vollzeitjobs während des Semesters kompensieren. Zum Glück gibt es die ganzen unbezahlten Pflichtpraktika, damit man ja nie vergisst, es wertzuschätzen, wenn man wirklich mal frei hat.

Natürlich hat es auch viele gute Seiten, Student zu sein. Unschlagbare Vergünstigungen (für zehn Euro in die Philharmonie und auf wirklich guten Plätzen Dirigenten von Weltruhm beobachten), preiswerte Unisportkurse mit riesigem Angebot, recht frei einteilbare Zeit, keine Verpflichtungen konkreter Arbeitsstunden pro Woche wie in einem regulären Job. Der große Haken ist, dass man selbst für sich und seinen Erfolg verantwortlich ist. Niemand sagt dir, dass du lernen musst, am Ende des Tages erwarten aber alle, dass du es getan hast. Und wenn nicht hast du ein Problem.

Wenn es darum geht, vernünftig zu sein und sich selbst zu disziplinieren, bin ich ganz vorn mit dabei. Nach neun Semestern Medizinstudium bin ich es aber inzwischen sehr müde, nur in den Semesterferien ein wenig Freizeit ohne schlechtes Gewissen zu haben.
Wie machen das die anderen? Sind die einfach klüger, sodass sie das alles mit links schaffen? Ist es ihnen egal, mit welcher Note sie durch die Prüfungen rutschen und sie spielen vier gewinnt? Wahrscheinlich verschweigen sie auch einfach, welch einen Stress einem das Studium aufbürdet und leiden genauso wie ich.

Das schriftliche Staatsexamen steht bei mir in nicht zu ferner Zukunft an und mir graut bei dem Gedanken daran vor den Stunden des Lernens, der Isolation am Schreibtisch mit einem Berg von Büchern und all den Erlebnissen und Unternehmungen, die ich mir aus Vernunft verkneifen müssen werde.
Das sind so Momente, in denen ich mir wünsche, einfach irgendeine Ausbildung gemacht zu haben. Dann wäre ich längst fertig und hätte mehr Leben vom Leben. Ich würde abends nach Hause kommen und hätte einfach mal frei. Verrückte Vorstellung!
Andererseits muss ich sagen, dass mir die ärztlichen Tätigkeiten unglaublich viel Spaß machen. Mit Patienten zu kommunizieren, Körper zu untersuchen und nach der richtigen Diagnose zu fanden macht einfach Bock. Jemandem helfen zu können ist dazu eins der besten Gefühle, die ich mir vorstellen kann. Kurz: ich bereue es nicht, mich für ein Medizinstudium entschieden zu haben. Ich wünsche mir nur manchmal, dass es schon abgeschlossen wäre und der ganzen Stress hinter mir läge. Denn auch wenn das Berufsleben sicher anstrengend ist: nach Hause zu kommen und wirklich frei zu haben und ohne schlechtes Gewissen selbst seine Freizeit einzuteilen, muss unfassbar gut sein.

Wie geht es den Studenten unter euch: fühlt ihr euch auch so sehr unter Druck gesetzt?