Donnerstag, 24. November 2016

Man muss nicht immer versuchen, ein Einhorn zu werden

Ich habe ein Hämatom mitten auf der Nase. So in etwa münzgroß, richtig direkt auf der Nasenwurzel zwischen den Augen. Man könnte meinen, dass es in meinem Umfeld keinen mehr gäbe, der mich noch nicht darauf angesprochen hätte.
Tatsächlich ist es aber bis auf meiner Mutter noch niemandem aufgefallen. Verrückt, oder?!

Da hat man quasi ein leuchtendes Schild im Gesicht und trotzdem schauen alle darüber hinweg. Wie blind können Menschen nur für das sein können, was sie direkt vor Augen haben!
Während ich weiter darüber nachdachte, was Menschen alles nicht bemerken, weil sie so angestrengt über die Dinge nachgrübeln, wurde mir klar, dass ich selbst nicht ansatzweise besser bin. Vielleicht nicht unbedingt, was das Entdecken von Hämatomen im Gesicht meiner Mitmenschen geht, sondern vielmehr, wenn es zum Thema Selbstkritik kommt. Ständig fokussiert man nur auf das negative, alles andere wird übersehen.

Da wäre zum Beispiel der Post zum Thema Selbstbild des Körpers. Da wäre auch mein ständiges Grübeln, warum alle so glücklich und selbstsicher wirken und gefühlt nur ich dauernd an mir zweifle und sehe, was ich alles nicht kann und darüber dann die Gedanken kreisen lasse, um mich gezielt und sicher in Panik und Verzweiflung zu manövrieren. Klassiker zu diesem Stichwort wäre das Thema, dass ich mich inzwischen am Ende des Studiums befinde und damit regulär keine zwei Jahre mehr habe, bevor ich dann offiziell mit einem Schildchen, das mich als Arzt zu erkennen gibt, vor den Patienten trete. Dabei gibt es so unendlich viel, was ich noch nicht oder - noch viel schlimmer - nicht mehr weiß. #omgichwerdesiealleumbringen

Mit all den Dingen im Sinn, die an mir nicht perfekt sondern verbesserungsbedürftig sind, mache ich Pläne in meinen Gedanken. Dinge, die ich lernen muss, Punkte, die ich ändern sollte und so entwerfe ich Schritt für Schritt das Idealbild meiner Selbst, das ich in ein paar Jahren sein möchte. Es erscheint mir dann mit jeder weiteren Minute, die ich in diese Art der Planung investiere, dass ich noch desorganisierter, ungebildeter, tollpatschiger, selbstunsicherer und langweiliger wäre, als es tatsächlich zutrifft. Es tut nicht gut, immer nur die Fehler heraus zu picken und auf ihnen herum zu hacken.

Der Song In My Mind von Amanda Palmer fasst dieses ständige Streben nach einem perfekten Selbst in der Zukunft perfekt zusammen. Das Bewusstsein über die eigenen Fehler führt zu Unzufriedenheit mit der Gegenwart, die in Rastlosigkeit übergeht und leicht zu viel zu viel Verbitterung der eigenen Person gegenüber verleitet.
Wir sollten es öfter so machen wie Amanda, die, nachdem sie in ihrem Song ihre ganzen unrealistischen, alten Vorstellungen und Ansprüche an sich selbst mit der tatsächlichen Entwicklung verglichen hat, nach anfänglicher Frustration erkennt, dass man so wie man ist bereits viel erreicht hat und auch mal für einen Moment ruhig durchatmen sollte, um der Erkenntnis eine Chance zu geben, dass man auch im Hier und Jetzt genau der Mensch sein könnte, der man in diesem Moment sein möchte. Dass es gut ist, der Mensch zu sein, zu dem man sich entwickelt hat.



Veränderung und Bewegung nach vorn ist wichtig im Leben. Trotzdem sollte man sich einmal zurücklehnen und mit ein wenig Abstand erkennen, dass man eben nicht nur in Richtung Zukunft voran arbeiten muss, um irgendwann eventuell dem Ideal von einem selbst zu entsprechen. Es gibt nämlich mehr als das große ganze Bild und mit diesem Wissen können wir im Alltag die Augen öffnen, um die kleinen Dinge zu sehen. Die Hämatome auf den Nasen unserer Mitmenschen, unsere kleinen Erfolgsmomente und die täglich aufblitzenden Momente des Glücks. Dass wir nicht nur immer weiter ackern müssen, um ein Endziel zu erreichen, sondern dass wir auch schon ganz viele Dinge geschafft und erlebt haben und darüber glücklich sein können, uns zu dem entwickelt zu haben, was wir sind.  Denn es lebt sich viel schöner, wenn man nicht übersieht, was in der Gegenwart passiert und wie gut das Jetzt eigentlich ist. Ich vergesse nur immer zu gern, mich selbst daran zu erinnern.

Oder wie Amanda Palmer es so schön auf den Punkt bringt:
Fuck yes - I'm exactly the person that I want to be!

Donnerstag, 3. November 2016

Sitzplatz!

... so lautet zumindest bei mir die Standardaufforderung an Menschen, die mit dem wilden Hüpfen und Tanzen vor der Bühne bei Konzerten nicht zurecht kommen und sich beschweren, dass man bitte nicht während die Musik läuft sich zu sehr bewegen oder gar schubsen soll. Das wäre ja hier schließlich keine Veranstaltung zum Tanzen oder gar Spaß haben…
Ist man mental nicht Willens oder in der Lage, sich der Musik hin zu geben und mitzumachen, dann ist man in meinen Augen ein Fremdkörper in der Gruppe vor der Bühne und so ein klarer Fall für den Sitzplatz. Damit meine ich natürlich nicht in Opern oder klassischen Konzerte, für die ein Sitzplatz ausnahmsweise völlig in Ordnung ist.

Nach langen Monaten der Abstinenz was Konzerte angeht, habe ich heute endlich wieder eins besucht. Dieses mal war ein Punkt von vorn herein anders als gewohnt: ich wusste von Anfang an, dass ich einen Platz im Rang haben würde. Und das heißt konkret - Sitzplatz!

Oh je, Sitzplatz?! Das ist doch die inoffizielle Höchststrafe, wenn live Musik gespielt wird, die einem gefällt. Immerhin drängt dann jeder Muskel zuckend in mir, sich zur Musik zu bewegen und mitzuhüpfen, was auf der Freifläche vor der Bühne am besten funktioniert. Auf einem Sitzplatz gefangen zu sein, bedeutet dagegen, in der Bewegung eingeschränkt zu sein und nicht in die zur Musik wogende Menschenmenge eintauchen zu können.
Aber das waren ja nur meine Vorstellungen, die ich nie auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft hatte. Man sollte Dinge nicht beurteilen, bevor man sie ausprobiert hat und da ich eh keine Wahl hatte, begab ich mich schließlich zu meinem Sitzplatz.

Immerhin war es möglich, sich den Sitzplatz frei auszusuchen. Fluch und Segen zugleich, wie sich herausstellen sollte, denn die Sitzplätze der Balkone der Arena, in der das Konzert stattfand, waren zumindest in der ersten Reihe an der Brüstung schon sehr gut gefüllt und ich fürchtete kurz, nur noch ganz hinten etwas zu finden. Im eine Etage höher gelegenen nächsten Rang fand ich aber nach kurzer Suche noch einen Sitzplatz in der zweiten Reihe hinter der Brüstung. Phew, noch mal gut gelaufen.

Zu meiner Überraschung war der Blick auf die Bühne großartig. Ein komplett anderer Eindruck, als unten in der Menge zu stehen. Jetzt konnte ich die ganze Halle erfassen mit ihren zwei Reihen der Balkone voller Sitzplätze, den beleuchteten Notausgängen dazwischen sowie des Setups von Technik und Tontechnikern. Zum Beobachten war das die perfekte Position, so viel Übersicht über die gesamte Konzerthalle hatte ich noch nie. Sonst fokussiere ich mich immer allein auf das Bühnengeschehen, während all die Menschen hinter mir ausgeblendet werden.
Auch die Seitenzugänge zur Bühne lagen gut in meinem Sichtfeld, sodass ich die Wege des Sängers von der Bühne ins Publikum oder auch einmal um selbige herum gut beobachten konnte.

"Thank you for wasting your phone battery on me. What a nice compliment!" 
Als die aus einer Person bestehende Vorband dann auf die kam, hatte ich einen idealen Überblick darüber, erfasste aber direkt, warum Sitzplatz für mich seit Jahren eine Beleidigung war: man ist zwar anwesend aber nicht wirklich dabei.
Während die Menge vor der Bühne springend und schreiend sich in der Musik verliert und die Emotionen auslebt, ist man selbst in seinem Sitzplatz ordentlich nebeneinander platziert und somit gefangen. Klar, man kann aufstehen, die Arme hoch reißen, die gesamte Bühne überblickend jubeln und doch ist es ein sehr viel distanzierteres Erlebnis.
Niemand rammt einen im Rausch der Musik von hinten, niemand fängt einen danach auf. Kein Springen, bis die Waden schmerzen, kein nach vorn geschwemmt werden und den Drummer aus nächster Nähe dabei beobachten, wie ihm der Schweiß vom Gesicht tropft während man selbst merkt, wie einem der Schweiß den Rücken entlang läuft, weil man sich körperlich so verausgabt. Es ist schon ein herabgesetztes Konzerterlebnis, alle Eindrücke gefiltert durch physische Distanz und Einschränkung der Bewegungsmöglichkeiten.

Auch die Band interagiert vor allem mit dem Publikum vor der Bühne. Man fühlt sich ein bisschen ausgeschlossen auf den Rängen selbst wenn man die besten Bilder davon schießen kann, wie der Sänger sich beim Stagediving ins Publikum wirft. Schon seltsam, bei einem Konzert überhaupt das Handy zu zücken.

Besagte schöne Bilder sind zwar super, um sie auf Social Media Seiten zu posten oder seine Freunde zu beeindrucken, aber das eigentliche Konzerterlebnis gefällt mir persönlich vor der Bühne im Gedränge der Menge unendlich viel besser. Denn auf dem Sitzplatz kann man die Show perfekt ansehen und fotografieren, aber nur vor der Bühne ist man meiner Meinung nach live wirklich dabei.

Donnerstag, 29. September 2016

Einfach darauf festlegen, offen zu sein

Letztens kam in einem Gespräch mit Freunden meiner Eltern das Thema Sport auf. Im Rahmen dessen stellten sie reihum die Frage, was denn die Lieblingssportart jeder der anwesenden Personen wäre. Ganz brav wurde geantwortet: Tennis, Schach, Yoga. Dann wurde die Frage an mich gerichtet und ich konnte nur verständnislos mit den Schultern zucken.

Ja, magst du denn keinen Sport?!
Oh doch, ich liebe Sport, Bewegung und einfach damit herauszufinden, was der Körper so alles kann. Aber genau deshalb stellt sich für mich die Frage: weshalb sollte ich mich auf eine Lieblingssportart festlegen?

Um am Ende sagen zu können, was meine liebste Sportart ist, muss ich ja schließlich erst mal alle ausprobiert haben, die mir vom theoretischen Konzept her zusagen. Das wären dann schon mal einige, die ich in meinem Alter längst noch nicht alle ausprobiert habe.
Nur, weil ich Spaß daran habe, jede Woche Tennis zu spielen, heißt es nämlich nicht, dass ich an einer anderen Sportart nicht auch Freude finden könnte. Die Chance, neben Tennis noch ein ganze andere Universen verschiedener Sportarten zu entdecken, die mich begeistern, reicht für mich, um über den Tellerrand des Tennisfeldes hinaus zu blicken.

Zudem ist nicht jede Art von Sport auf die gleiche Art fordernd für Körper und Geist. Einige Sportarten erfordern Kraft, andere Ausdauer, Balance oder Flexibilität. Warum sollte ich mich darauf limitieren, immer nur joggen zu gehen und dabei Kraft, Balance und Flexibilität zu vernachlässigen? Allein aufgrund dessen würde mir eine Sportart für den Rest meines Lebens nicht genug sein.
Niemand würde sich sein ganzes Leben lang nur von Spaghetti Bolognese ernähren wollen auch wenn es einem schmeckt und man prinzipiell vielleicht damit überleben könnte. Genau deshalb möchte ich eben auch nicht mein Leben lang nur eine einzige Sportart zu betreiben, sondern möglichst viel ausprobieren. Damit ich neben Yoga, Inlineskaten, Training mit Gewichten, Pilates, Kickboxen, Schwimmen und Badminton vielleicht noch mehr Arten der Bewegung entdecke, die ich liebe.

Sport hat für mich viel mit Genuss zu tun. Den Körper zu bewegen ist einfach das, wofür er da ist und dementsprechend belohnt er das auch mit einer guten Stimmung, Energie am nächsten Tag und tiefem Schlaf.
Ganz klar ist nicht jeder Sport ein Genuss und das ist auch ein Teil der Erfahrung. So habe ich schon bemerkt, dass ich Tischtennis, Zumba oder Ballett nicht wirklich genießen kann und dann lasse ich es einfach sein, mich in diesen Disziplinen zu versuchen.
Denn einen Sport, zu dem ich mich quälen müsste, würde ich nicht ausüben. Viel mehr ist Sport für mich Entspannung, eine schöne Freizeitaktivität mit einer spielerischen Komponente.

Den Gedanken, dass es schön ist, einen Sport schon lange zu betreiben und aufgrund dessen darin sehr erfahren und vielleicht auch erfolgreich zu sein, mag ich. Das schließt aber nicht aus, nebenbei noch anderen Sport zu betreiben.
Wahrscheinlich werde ich auf lange Sicht schon meine liebsten Sportarten finden und bevorzugt diese ausüben. Dennoch würde ich mich nicht auf nur einen Sport festlegen, nur um so die Frage nach dem Lieblingssport genau beantworten zu können. Denn man hat viel mehr davon, offen zu sein als stur für immer nur ein und dieselbe Sportart zu praktizieren.

Warum auch für immer nur Spaghetti essen, wenn ich jedes Gericht der Karte ausprobieren kann?

Samstag, 17. September 2016

True colours

Wir müssen reden. Und zwar über das Thema Vertrauen.
An sich bin ich ein Mensch, der relativ schnell Vertrauen fasst. Das hat sich über Jahre bei mir bewährt und ich könnte kein wirkliches Beispiel benennen, wo es mir im Nachhinein tatsächlich mal auf die Füße gefallen ist, jemandem zu vertrauen. Bis jetzt.

Mir ist klar, dass Menschen nicht immer die Wahrheit sagen. Mal aus Bequemlichkeit, mal aus sozialem Druck. Wer will oberflächlichen Bekannten auf die Frage, wie es einem ginge, auch schon all seine Sorgen und Hoffnungen eröffnen? Es ist in dem Moment sehr viel einfacher zu sagen, es ginge einem gut. Das ist eine der gesellschaftlich akzeptiertesten Lügen überhaupt. So sehr, dass ich mich oft frage, warum Menschen diese Frage überhaupt noch stellen, ohne eine wirkliche Antwort zu wollen. Aber darum geht es nicht.

Viel mehr geht es darum, Menschen eine klare Frage mit den Antwortmöglichkeiten ja oder nein zu stellen und auch wenn ja der Realität entspräche, antworten sie mit nein. Daraufhin verhält man sich, als wäre Antwort ja die Realität und am Ende steht man da und wundert sich, wieso die andere Person sich nicht auch langfristig passend dazu verhält, wie sie geantwortet hat.
Tl;dr: ich wurde ganz bewusst angelogen, sodass der andere Vorteile daraus ziehen konnte.

Für mich hat sich daraus kein wirklicher Schaden ergeben bis auf die Verunsicherung, ob ich anderen eigentlich überhaupt noch vertrauen sollte. Offen gesagt habe ich bei privaten Personen, die mir nicht gerade etwas verkaufen wollten, um Geld bettelten oder mir davon erzählten, wie Jehova uns alle vorm Armageddon retten würde, wenn ich sofort beitreten würde, nahezu immer vertraut. Nicht unbedingt so sehr, dass ich sie sofort mit meiner Geldbörse los geschickt hätte, um uns ein Eis zu holen, aber doch so, dass ich annahm, sie würden mir nicht bewusst über relevante Dingen ins Gesicht lügen.

Diese Erfahrung hat eine ganze Kette von Überlegungen angestoßen. Ich bin gedanklich verschiedene Punkte abgegangen, in denen ich Menschen einfach immer geglaubt habe, was sie mir erzählten.
Antworten auf die Frage, wo sie waren. Antworten auf die Frage, ob sie daran gedacht haben, eine bestimmte Aufgabe zu erledigen. Antworten auf meine Frage, nach ihrer Meinung zu einem gewissen Thema. Es ließe sich unendlich fortsetzen.

Was mir klar wurde ist, dass Vertrauen die Grundlage des menschlichen Zusammenlebens ist. All die Angelegenheiten, in denen wir unserem Gegenüber nicht vertrauen, werden vertraglich geregelt, um quasi Vertrauen zu erzwingen, indem man ein juristisch gültiges Abkommen schließt, das mit Konsequenzen droht, wenn das Übereinkommen nicht eingehalten wird. Das ist für finanzielle Dinge vielleicht hilfreich, doch im privaten Bereich möchte ich mir Vertrauen nicht mit solchen Mitteln erkaufen müssen. Es hinterlässt einfach einen bitteren Beigeschmack zu wissen, dass jemand vielleicht auch nur wegen einer bindenden Abmachung sich auf eine bestimmte Art und Weise verhält.
Weil Vertrauen so basal ist, weiß ich, dass ich in Zukunft nicht darauf verzichten können werde und es auch nicht will. Trotzdem ist es bitter zu realisieren, dass man auf Grundlage einer Lüge, die man nicht hinterfragt hat, für eine gewisse Zeit ein Vertrauen aufgebaut hat.

Man lernt nie aus im Leben. Man muss nur aufpassen, dass man dabei nicht zu verbittert wird.
Ich hoffe, dass ich so etwas nicht so bald wieder erleben muss. Es verunsichert einen nur und und schadet so viel mehr als der Urheber sich im Moment seiner unwahren Äußerung hätte vorstellen können. Also überlegt, was ihr anderen erzählt und wem ihr vertraut.

Dienstag, 6. September 2016

Zu viel des Guten: Gedanken zur Selbstkritik

Baden gewesen, Bikini getragen, Bilder davon gemacht. Heute bin ich dazu gekommen, mir diese Bilder anzusehen und es war grässlich. Nicht mal, weil ich so furchtbar aussehe, sondern weil mir klar wurde, wie schrecklich kritisch und gemein ich mir selbst gegenüber bin.

Andere sehen auf den Fotos am See einen glücklichen Moment des Sommers. Ich sehe platt herabhängendes, zotteliges Haar, eine schief auf der Nase hängende Brille, mein breitestes Zahnfleischlächeln (kann ich denn nicht einmal normal lächeln wie jeder andere auch?!), Hautunreinheiten und eine schreckliche Speckfalte, weil ich mich auf dem Bild natürlich maximal nach vorn beugen muss. Boah und dann auch noch auf allen Fotos diese zusammengekniffenen Augen! Das kommt davon, wenn man sich gegen das Sonnenlicht fotografieren lässt.
Noch dazu betont das Licht so schön meine Ganzkörper-Tiefenweiße, die wahrscheinlich noch die Passagiere der Flugzeuge über mir blendet. Wobei die Blässe der Teil des Gesamtbildes ist, mit dem ich mich dann noch am meisten anfreunden kann.

Es ist schrecklich, meinen Gedanken zuzuhören, die Bilder von mir auseinandernehmen und darüber her ziehen. Jede Schwachstelle, jeder Fehler wird diskutiert. Aber warum nur? Freude macht es mir nicht, doch ich kann diese Gedankengänge auch nur schwer unterdrücken, wenn ich Bilder, Texte oder Audioaufnahmen von mir in die Finger bekomme.

Manchmal denke ich mir, dass wir uns selbst so streng betrachten, damit es kein anderer tut. Wenn wir selbst jeden unserer Fehler gnadenlos beleuchten und analysieren, können wir ihn beheben und so eventuell vor anderen verbergen, bevor es ihnen auch nur auffällt. Schließlich kritisieren wir uns still und heimlich in Gedanken und nicht öffentlich für andere hörbar.
Auch wenn diese Methode der Selbstanalyse mit nachfolgender "Problem"-optimierung funktionieren kann,  hinterlässt sie ein schlechtes Gefühl. Es macht das Verhältnis zur eigenen Person einfach nicht besser, wenn man sich Gedanken darüber macht, wie wohl jede Pore des eigenen Körpers auf andere wirkt. Sich mental selbst zu mobben ist wohl nie hilfreich - vor allem nicht fürs Selbstbewusstsein.

Schließlich bewerte ich Bilder anderer auch nicht so kritisch und fies wie meine eigenen. Bei anderen fixiere ich mich mehr auf das Gesamtbild, das dargestellte Ereignis und die Stimmung und nicht etwa darauf, ob ihre Brille dreckig und die Mascara verschmiert aussehen.
Dass man seine Wirkung auf die Umwelt so detailliert zu analysieren versucht, ist für mich auch ein Ausdruck davon, dass man sich selbst viel zu wichtig nimmt. Man ist aber nur das Zentrum seiner eigenen Handlungen und Entscheidungen, jedoch nicht das des Universums. Vergisst man manchmal auch zu schnell.

Was man nicht vergessen sollte: irgendwann werden diese Bilder Erinnerungen und wenn es gut läuft, werden es gute. Ein Sommertag am See, noch kein graues Haar in Sicht (egal ob nun zottelig oder perfekt geföhnt), kein Stress und so betrachtet sah man dann doch vielleicht nicht so furchtbar aus, wie man in dem Moment dachte und hätte gar keinen Grund gehabt, sich so viele Gedanken darüber zu machen.
So oft habe ich es schon von meinen Eltern, Großeltern, "älteren" Bekannten und ähnlichen gehört, dass sie sich ärgern, in ihren Teenagerzeiten und Zwanzigern so selbstunsicher gewesen zu sein, wozu sie rückblickend gar keinen Grund gehabt hätten. Sommersprossen, Pickel, Brillen, dicke Beine, die gar nicht wirklich dick sind und merkwürdige Mode, die irgendwann nur noch eine witzige Erinnerung werden, sind nichts, weshalb man sich selbst beschimpfen oder vor anderen verstecken muss. Sie alle meinten nur, sie wünschten sich, das früher erkannt zu haben und so nicht immer die blassen nicht ganz spindeldürren Beine auch im Hochsommer ständig unter langen Hosen versteckt, die Brillen für Bilder abgenommen (und dann mit zusammengekniffenen Augen weg von der Kamera geschaut) oder die Sommersprossen mit Schneckenschleim zu bleichen versucht zu haben.

Mit diesem Wissen im Hinterkopf versuche ich auch, mir gegenüber nicht zu kritisch zu sein. Meistens klappt es ganz gut und ich traue mich trotz imperfekter Haut mit Unreinheiten auf dem Rücken im Sommer im Top raus, das die "Problematik" nicht komplett verbirgt oder trage kurze Hosen, die über den Knien enden obwohl meine Oberschenkel definitiv breiter sind als meine Waden. Einfach, weil es normal ist. Trotzdem kommentiere ich mental mein von mir als unpassend oder peinlich wahrgenommenes Verhalten und Aussehen dabei weiter. Es ist nicht so leicht, mit sich selbst im Gleichgewicht und voller Selbstbewusstsein zu sein. Selbstbewusstsein im Sinne von Selbstsicherheit und nicht Bewusstsein gegenüber der eigenen Fehler. Sich nicht in den Handlungen von der Selbstunsicherheit einschränken zu lassen ist zumindest ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Denn jeder Mensch hat Aspekte, die dem gesellschaftlichen Ideal nicht entsprechen und die ihn verunsichern. Nur fallen die einem bei anderen meist nicht auf, weil es eben nicht die eigenen sind und man einfach darüber hinweg sieht.

Mittwoch, 31. August 2016

Warum die Anzahl meiner Blogleser mir egal ist

Letztens bis ich auf einen Artikel gestoßen, der Bloggern helfen soll, mehr Leser zu gewinnen. Ganz interessiert fing ich an, ihn zu lesen und am Ende saß ich nur da und war beeindruckt, was man alles so tun könnte und angeblich dringend sollte, um seine Reichweite zu erweitern. Bleibt nur eine Frage: warum eigentlich?

In über fünf Jahren des Bloggens habe ich noch keine 200 Leser zusammen. Ehrlich gesagt habe ich nicht mal ganz auf dem Schirm, wie viele Leser ich überhaupt habe und wie viele davon Karteileichen sind. All das ist Ausdruck davon, dass es mir offensichtlich nicht wichtig ist, wie viele Abonnenten mein Blog nun hat. Wäre es für mich persönlich bedeutsam, hätte ich wahrscheinlich auch schon frustriert den Blog gelöscht.

Tja, da hätte ich mich wohl mal früher an die Tipps halten sollen.
Täglich posten und mir damit ordentlich Stress mit meinem Hobby machen. Regelmäßig Gewinnspiele dediziert nur für Leser veranstalten, um die gierige Meute zu zwingen, mich zu abonnieren, wenn sie etwas gewinnen wollen. Auch auf den anderen Social Media Kanälen hätte ich aktiver sein müssen und nicht nur meine blöden Gedanken teilen sollen, sondern vor allem Links zu meinen Blogposts. Das habe ich aber tatsächlich fast nie getan, weil ich einfach keinen bei Twitter oder Instagram zu spammen wollte. Immerhin steht der Link zu meinem Blog dort im Profil und wer interessiert ist, hätte ja selbst klicken können. Ohne, dass ich ihn davor endlos mit meiner Eigenwerbung nerve.

Was ich natürlich auch verpasst habe und so noch nicht mal tausend Leser habe, ist es, andere Blogs hier vorzustellen und deren Autoren dadurch im Austausch auf ihrer Plattform die Werbetrommel für meinen Blog rühren zu lassen.
Nicht mal eine Facebookfanseite, eine Visitenkarte oder gar Apfelkerne-Merchandise gibt es. Also ehrlich - ich könnte nie ein erfolgreicher Blogger werden.

Und das stört mich nicht im geringsten.
Denn was die Autoren der ganzen Tipps für mehr Bekanntheit im Internet nicht bedacht haben, ist, dass es vielleicht gar nicht das große Ziel eines jeden Bloggers ist, möglichst groß raus zu kommen. Auch wenn tendenziell mehr Leute ihren Blog zu einer lukrativen Einnahmequelle machen können, heißt es nicht, dass jeder das will. Verrückt, oder?

Tatsächlich sehe ich diese Seite einfach nur als Hobby an, als Möglichkeit, Gedanken und Ideen zu teilen sowie im besten Fall eine Rückmeldung von jemand anderem dazu zu bekommen. Ob derjenige nun offiziell mein Leser ist oder nicht, ist mir dabei völlig gleich. Kommentare sind mir nämlich sehr viel mehr wert als Leserzahlen. Immerhin kann man "Leser" und Facebookfans auch einfach kaufen aber konstruktive, interessante Kommentare nicht.

Trotzdem sind Leserzahlen indirekt eine Möglichkeit, die Anzahl der Kommentare abzuschätzen - wird der Artikel häufiger gelesen, steigt immerhin die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende jemand kommentiert. Beim nächsten Post dazu, wie man seine Leser dazu bringt, mehr zu kommentieren, werde ich dann aufmerksam lesen. Denn ich strebe nicht nach der größten möglichen Anzahl an Lesern, sondern nach einem regen Austausch.